Toleranzbegriff

Joachim Losehand: Was ist Toleranz?

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Was ist Toleranz? Eine Aktualisierung des Nullmeridians
von Joachim Losehand (Oldenburg)

Fragen wir als erstes Wikipedia, "die freie Enzyklopädie". Bei aller berechtigten Kritik am Konzeptund an der Qualität der Beiträge ist dieses im Internet verfügbare Nachschlagewerk nicht nur ein Spiegelder Meinungen seiner vielen an einem Artikel mitarbeitenden Autoren und vermittelt also auf der Metaebenenolens volens ein Meinungsbild aller an Wikipedia Beteiligten. Es ist zugleich und vor allemein mächtiges Werkzeug der Meinungsbildung. Schlagen wir bei der weltweit beliebtesten Suchmaschine Google (deutsch) den Begriff "Toleranz" nach, so wird als erstes der Wikipedia-Artikel gelistet. [1] Das Ergebnis der Kombination aus beiden kostenlosen Angeboten kann nicht ignoriert werden, da es sich einen Überblick über die Begriffsbestimmungen und gängigen nichtwissenschaftliche Vorstellungen von dem und Diskussionen darüber handelt, was Toleranz ist:[2] Die Inhalte der Artikel werden kopiert und zitiert, potenzieren sich im Datenmeer und beeinflussen im Guten wie im Schlechten die Meinungen und Ansichten der Menschen – und damit auch die Begriffsbildung und das Verständnis von Toleranz. Wir lesen (unter anderem) zur Begriffsbestimmung von Toleranz:

"Toleranz ist der Verzicht auf die Option, ein gegen sich gerichtetes Übel abzustellen. Daher kann nur toleriert werden, was 1. ein Übel darstellt (Gutes, Positives oder Berechtigtes kann demnach nicht toleriert werden.) 2. gegen sich gerichtet ist (Was einen selbst nicht betrifft oder nichts angeht, kann man nicht tolerieren.) 3. man muß über die Option verfügen, das Übel, statt es zu tolerieren, genauso gut auch abstellen zu können. (Wer diese Wahlmöglichkeit nicht hat, der kann logischer Weise sein Erdulden nicht als freiwillige Hinnahme des Übels, also als Toleranz bezeichnen) Wer beabsichtigt, Toleranz auszuüben, muß sich also fragen: 1. Handelt es sich tatsächlich um ein Übel? 2. Geht das als Übel Festgestellte mich überhaupt etwas an? 3. Habe ich tatsächlich die Möglichkeit, statt Toleranz zu üben, das Übel abzustellen? Toleranz beschreibt die Fähigkeit, eine Form, oder – bis zur jeweiligen Toleranzschwelle – viele Formen des Andersseins oder Andershandelns, insbesondere Herkunft, Religion, Neigungen, Moral oder Überzeugungen, zu dulden, also nicht zu bekämpfen."

Um Toleranz zu üben, braucht es, so die Autoren des Artikels, [3] zunächst ein "gegen sich gerichtetes Übel". Schon diese Voraussetzung erscheint problematisch, da es jene Übel eigentlich ausschließt, die gegen andere gerichtet sind, man also nur etwas wirklich "toleriert" (im Wortsinn), "was einen selbst betrifft oder angeht". Ein Übel, das "einen selbst nicht betrifft oder nichts angeht", fällt damit zunächst nicht unter "Toleranz". Die kaum akzeptable Beschränkung dieses Toleranzbegriffs ist unübersehbar. Zwei Aspekte erscheinen jedoch bedeutsam: einerseits der des empfundenen "Übels", welches man zweifellos ablehnt, andererseits die Freiwilligkeit, nicht gegen das "Übel" vorzugehen, also die Möglichkeit, sich auch anders zu entscheiden. "Übel", die man gelten läßt, weil sich nicht ändern lassen bzw. weil die Möglichkeiten dazu fehlen, fallen nicht unter den Toleranzbegriff. Der Begriff des "Übels" jedoch bleibt völlig unscharf und ist im Grunde auch völlig unklar: was ist ein "Übel"?

Doch lesen wir weiter: "‚Toleranz […] bezeichnet allgemein das Dulden oder Respektieren von Überzeugungen, Handlungen oder Praktiken, die einerseits als falsch und normabweichend angesehen werden, andererseits aber nicht vollkommen abgelehnt und nicht eingeschränkt werden.’[4]

Eine Förderung geht demnach weit über Toleranz hinaus, allerdings bedeutet Toleranz auch das Abschaffen einer vorhandenen Benachteiligung des Anderen gegenüber dem Gleichen (Strafgesetz, Rechte). Die Vorstellungen von gleich und anders unterliegen jedoch einem starken Wandel. Toleranz in einem schwächeren Sinne schließt Diskriminierung nicht aus, lediglich Verfolgung. Als herrschende oder vorwaltende Einstellung einer Gruppierung oder Gesellschaft bezeichnet Toleranz das Gewährenlassen von Einzelnen oder Gruppen, deren Glaubens- und Lebensweise vom etablierten religiösen oder gesellschaftlichen System abweicht. Sie ist nicht gleichbedeutend mit Übereinstimmung, stellt jedoch eine mögliche Vorstufe zur Akzeptanz dar. Toleranz im Sinne eines ‚Toleranzbereiches’ umfaßt einerseits die Vollmacht zur Sanktionierung des Abweichlers und andererseits die bewußte Entscheidung, davon Abstand zu nehmen. Sie wird normalerweise bei gewaltlosem, auf Einigung zielendem Verhalten geübt. Toleranz kann so Gewalt vermindern."

Hier in diesem Absatz tauchen nun – unvermittelt – die "Anderen" auf: Toleranz ist "auch das Abschaffen einer vorhandenen Benachteiligung des Anderen gegenüber dem Gleichen" und das "das Gewährenlassen von Einzelnen oder Gruppen". Überspitzt gesagt: l’enfer, c’est les autres – "das Übel, das sind die Anderen": Einzelne oder Gruppen, "deren Glaubens- und Lebensweise vom etablierten religiösen oder gesellschaftlichen System abweicht." – Halten wir ein Destillat des Wikipedia-Artikels als Zwischenbilanz fest: Toleranz ist die Reaktion des freiwilligen, zwanglosen und bewußten Duldens und Gewährenlassens auf Abweichung und Dissens in Meinung, Kultur, (religiöser wie nichtreligiöser) Weltanschauung, Lebensweise usw.

In seinem Beitrag "Staatliche Toleranz und staatliche Werteorientierung", [5] den Ludger Jansen für einen Wettbewerb des Forschungsinstituts für Philosophie in Hannover eingereicht hat, kommentiert der Rostocker Philosoph zwei Lexikon-Beiträge als Beispiel für die "Bandbreite der Antworten", [6] die man auf die eigentlich einfache Frage "Was ist Toleranz?" bekommen kann:

(1) [Toleranz] ist die Fähigkeit von Individuen, Gruppen, Organisationen, neuartige, andersartige, fremdartige, entgegengesetzte Auffassungen (Einstellungen), Werte, Verhaltensweisen zur Kenntnis zu nehmen und zu respektieren." [7]
(2) [Toleranz ist] entw[eder] die tatsächliche Praxis od[er] die normative Verpflichtung, Verschiedenartiges hinzunehmen bzw. andere in ihrer Andersartigkeit gelten zu lassen." [8]

Beide Bestimmungen sind für Ludger Jansen nicht hinreichend. Der von Joachim Kahl (1) leidet seiner Meinung nach an Geschwätzigkeit ("Auf der anderen Seite fragt man sich, ob es nicht etwas diesen vielen Alternativen Gemeinsames gibt, so daß mehr Einheit in die Mannigfaltigkeit dieser Definition einkehrt") zum anderen hält er es auch für problematisch Toleranz als Fähigkeit Einzelnen wie Gruppen zuzuschreiben. [9] Daß auch Konrad Hilpert (2) "ein Oder-Element in seiner Begriffsbestimmung" hat, Toleranz "entweder Praxis oder normative Bestimmung" ist, ist ihm für die Einheit und Eindeutigkeit der Definition von Toleranz abträglich. [10] Daß Toleranz "Verschiedenartigkeit" bzw. "Andersartigkeit" gelten lasse, verwirft Ludger Jansen als zu unklar und ungenau; [11] für ihn sind das Wahrnehmen von Artenvielfalt und das Geltenlassen unterschiedlicher Ernährungsvorlieben kein Fall für Toleranz. [12]

Fünf weitere Beiträge aus einschlägigen Lexika zur Bestimmung des Toleranzbegriffs möchte ich noch zur Betrachtung und Diskussion anbieten:

(3) Toleranz "ist die Duldung von Personen, Handlungen oder Meinungen, die aus moralischen oder anderen Gründen abgelehnt werden; sie wird meist öffentlich von Individuen oder Gruppen entweder praktiziert oder gefordert und argumentativ begründet. Die Diskussion um die Duldung religiöser Minoritäten durch eine andere Religionsgemeinschaft oder durch den Staat führt zu der Forderung nach dem Recht auf Religionsfreiheit (s. d.) sowie auf Glaubens- und Gewissensfreiheit (s. d.); in politischen Angelegenheiten wird T[oleranz] durch die Meinungsfreiheit (s. d.) realisiert. Über die ursprüngliche Begriffsbedeutung hinaus wird T[oleranz] auch im Sinne der Akzeptanz des ‚Anderen’ und Fremden und des Respekts vor ihm gebraucht." [13]

(4) Toleranz ist ein "Begriff der Rechtslehre, politischen Theorie, Soziologie und Ethik zum Umgang mit und zur Regelung von Konflikten und sozialen Systemen. Konfliktauslösend ist der Anspruch einer gesellschaftlichen Gruppe auf Respektierung ihrer Existenz oder bestimmter nicht anerkannter Rechte. T. als Duldung setzt voraus, daß (1) zwischen der tolerierenden und der tolerierten Gruppe ein Dissens im Hinblick auf religiöse, ethische oder epistemische Orientierungen besteht, daß (2) die tolerierende Gruppe von der Unrechtmäßigkeit oder Falschheit der tolerierten Position überzeugt ist und daß (3) die tolerierende Partei zumindest potentiell in der Lage ist, Zwangsmittel gegen die betroffene Gruppe anzuwenden." [14]

(5) "In uno primo senso, che si potrebbe definire debole, tolleranza indica una posizione di condiscendenza benevola, o anche di accettazione forzata, che si assume verso l'espressione di una diversità - sia essa die carattere religioso, morale, politico - nella quale si crede di individuare un catattere erroneo, ma che si prefersice non repirimere, ritendo che indulgere generi danni minori del vietare. In un secondo senso, che pùo essere connotato come l'accezione forte, la tolleranza costituisce non un espediente di natura strumentale e di portata contingente, ma un atteggiamento caratterizzato da una precisa validità intrinseca e da un significato morale assoluto. Consiste nell'accettazione piena de pluralismo delle fedi, delle opzioni morali, delle mentalità, dei costumi, delle usanze, accompagnata dal riconoscimento che, di fronte a tale pluralismo, il dialogo è il mezzo migliore per la convivenza pacifica delle diversità e anche per la soluzione dei conflitti." [15]

(6) "La tolérance consiste à laisser s'exprimer des opinions et croyances, des comportements, considéres comme relevant de la seule instance de la conscience individuelle. Historiquement le problème d'abord posé fut celui de la tolèrance, par le magistrat civil, de la liberté de croyance et de culte religieux, mais à travers ce problème se sont souvent affirmés des arguments en faveur, plus largement, de la liberté d'opinion et d'expression, susceptibel s'?tre repris pour soutenir l'idée de pluralisme politique ou de respect des differences culturelles." [16]

(7) "The paradigm example of toleration is the deliberate decision to refrain from prohibiting, hindering or otherwise coercively interfering with conduct of which one disapproves, although one has the power to do so. The principal components of the concept of tolerantion are: a toleranting subject and a tolerated subject (either may be an individual, group, organization or instutition); an action, belief or practice which is the object of toleration; a negative attitude (dislike or moral disapproval) on the part of tolerator toward the object of toleration; and a significant degree of restraint in the acting against it. Philosophical arguments have been mostly concerned: the rage of toleration (what things should or should not be tolerated?); the degree of restraint required by toleration (what forms of opposition are consistent with toleration?); and, most omportantly, the justifiction of toleration (why should some things be tolerated?)." [17]

Für Giesela Schlüter und Ralf Grötker (3) [18] ist Toleranz vor allem "Duldung", was hingegen Duldung ist, bleibt vage, auch wenn Duldung zur "Forderung nach dem Recht auf Religionsfreiheit" [, auf] Glaubens- und Gewissensfreiheit [und] Meinungsfreiheit" führt, also der faktischen Duldung oder der Forderung danach die Freiheit dessen folgt, was zuvor noch geduldet wurde. Erst in einem weiteren, über den Kerninhalt von Toleranz hinausgehenden Sinn, ist Toleranz auch "Akzeptanz des ‚Anderen’ und Fremden und des Respekts vor ihm".

Die Bestimmung von Dieter Teichert (4) [19], daß Toleranz ein "Begriff [...] zum Umgang mit und zur Regelung von Konflikten und sozialen Systemen" ist, wirkt zunächst hölzern angesichts der oft moralisch unterfütterten Toleranzappelle. Doch ist Toleranz in der Tat in erster Linie eine Haltung oder Art und Weise des zwischenmenschlichen Umgangs, genauso wie daneben auch Intoleranz eine solche Haltung oder Art und Weise ist. [20] Die Toleranz- und Intoleranzfrage ist vor allem auch eine der ethisch-moralischen, religiösen oder auch politischen Argumentation und Begründung.

In einem schwachen Sinn wird Toleranz verstanden als "una posizione di condiscendenza benevola, o anche di accettazione forzata", so Roberto Gatti (5). [21] "Condiscendenza benevola" – "mildes Entgegenkommen", "wohlgesonnene Nachsicht" – sind der Diktion obrigkeitsstaatlicher und herrschender christlicher Konfessionen entlehnt. Die Gewährung von Duldung und das Gewährenlassen von Meinungen und Gruppen als Akt des Starken, der auch anders könnte gegenüber dem Schwachen, der stets gewärtig sein muß, daß ihm der Gnadenerweis der Duldung wieder entzogen wird. Gegen die "accettazione forzata" – die "notgedrungene Billigung" oder "gezwungene Annahme" – ist (hier in entsprechenden Artikeln) schon verschiedentlich Stellung bezogen worden: wer nicht anders kann, als billigen und annehmen, ist im eigentlichen Sinne kein Tolerierender, da zur Toleranz auch die prinzipielle Freiheit der Intoleranz gehört ("ich kann auch anders"). In einem zweiten, stärkeren Sinn ist Toleranz nicht "un espediente di natura strumentale e di portata contingente", sondern vielmehr "un atteggiamento caratterizzato da una precisa validità intrinseca e da un significato morale assoluto" – eine Haltung mit ihr innewohnender Gültigkeit und von absoluter Moral.

C. Hasnouis Begriffsbestimmung (6) [22] liefert vor allem eine Begründung für Toleranz ("laisser s'exprimer des opinions et croyances, des comportements"): Toleranz ist zu üben, weil das eigene, individuelle Gewissen die einzige Instanz ist ("comme relevant de la seule instance de la conscience individuelle"), der wir verpflichtet sind und die es zu achten gilt.

Davon abgesetzt konzentriert sich John Horton (Keele, Staffordshire) in seinem Artikel (7) [23] wieder auf die basics des Toleranzbegriffs: Toleranz charakterisiert er als freie Entscheidung ("deliberate decision"), davon Abstand zu nehmen, etwas zu verbieten, verhindern oder mit Zwangsmitteln einstellen zu lassen, obwohl man dazu die Möglichkeit hätte und was man eigentlich mißbilligt. Um von Toleranz zu sprechen braucht es also: 1a+b) a toleranting subject and a tolerated subject, 2) an action, belief or practice which is the object of toleration , 3) a negative attitude (dislike or moral disapproval) on the part of tolerator toward the object of toleration und schließlich 4) a significant degree of restraint in the acting against it .

Nach ihrer Mitarbeit am oben diskutierten Artikel "Toleranz" im Historischen Wörterbuch der Philosophie hat Giesela Schlüter eine Monographie zur französischen Toleranzdebatte im Zeitalter der Aufklärung (1992) [24] vorgelegt, in der sie ebenfalls den Toleranzbegriff näher beleuchtet:

"Toleranz ist ein Verhalten von Einzelpersonen, Gruppen oder Institutionen gegenüber abweichenden Normen, Überzeugungen oder Verhaltensweisen bzw. den diese verkörpernden Personen, Gruppen oder Institutionen. Konkret freilich meint Toleranz ein Verhalten von Personen gegenüber Personen, den Umgang von Menschen miteinander [...] zunächst ist zu fragen, ob Toleranz als Handlung (im Sinne von ‚Duldung’) oder als Habitus bzw. Handlungsmaxime (im Sinne von ‚Duldsamkeit’) gemeint ist." [25]

Der Schwerpunkt dieser Bestimmung liegt auf dem Verhalten von Menschen gegenüber Menschen, auch insofern, als religiöse, philosophische oder politische Weltanschauungen als handlungsbegründend zu verstehen sind. Eine Aussage wie "diese Religion ist intolerant gegenüber anderen Religionen" wäre keine sinnvolle Aussage, wenn man nicht die Menschen als Gläubige oder Anhänger dieser Religion, sondern die Religion als theologisches System meint. So könnte man beispielsweise der Monotheismus gegenüber dem Polytheismus gegenüber prinzipiell intolerant nennen, weil die dem Monotheismus unaufhebbar zugrundeliegende Überzeugung, es gebe nur einen einzigen Gott, in Opposition zur dem Polytheismus unaufhebbar zugrundeliegenden Überzeugung, es gebe eine bestimmte oder unbestimmte Anzahl von Göttern ist Dies allerdings auch umgekehrt, da ein polytheistisches System zwar prinzipiell die Existenz eines bislang unbekannten Gottes akzeptieren und den Glaube an bzw. den Kult für diesen aufnehmen kann, man als "starker Polytheist" jedoch die Existenz nur eines einzigen Gottes (anstelle von vielen Göttern) ablehnen würde. Wenden wir den Toleranzbegriff als Habitus und Handlung von Menschen an, dürfen wir nicht von toleranten oder intoleranten Religionen bzw. Weltanschauungen sprechen; stattdessen bietet es sich an, von unter- oder zueinander inkompatiblen Weltanschauungen zu sprechen, genauso wie auch mathematische oder naturwissenschaftliche Theorien-Systeme inkompatibel, das heißt: miteinander unvereinbar sein können – aber natürlich nicht unvereinbar sein müssen.

In seiner grundlegenden, jedoch m. E. bislang zu wenig rezipierten Arbeit zur "Tugend der Toleranz" (2003) definiert Simone Bonafaccia den Begriff wie folgt:

"Toleranz ist die Disposition, jemanden nicht daran zu hindern, nach seinem Willen zu handeln, wenn man sein Handeln mißbilligt. Angesichts des deskriptiven Bestandteils ist die tolerante Haltung wesentlich durch zwei Aspekte charakterisiert: die Mißbilligung des Handelns eines anderen Menschen und das Motiv oder der Grund, aufgrund dessen der Tolerierende den anderen trotz seiner Mißbilligung nicht an seinem Handeln hindern will." [26]

Die "Ausgedehntheit der Verwendung" des Toleranzbegriffs auf "Meinungen (oder Überzeugungen), Handlungen, Charakterzüge, Angewohnheiten, Werte und so weiter", im Grunde kann "fast alles, was die Menschen mißbilligen oder verurteilen, Anlaß zu Toleranz oder Intoleranz sein", [27] umfaßt sowohl "personale Handelnde wie nichtpersonal Handelnde", also Individuen auf der einen Seite, Staaten, Gesellschaften usw. auf der anderen Seite. [28] Zu Handlungen zählen für Simone Bonafaccia ebenfalls Meinungsäußerungen als sprachliche Handlungen (Sprechakte). [29] Dabei wird deutlich, daß man zwischen der Meinung (Überzeugung) selbst und der Äußerung dieser Meinung unterscheidet: "Es scheint [...] aber auch nicht angebracht, von Toleranz gegenüber einer Meinung zu sprechen, wenn die Meinung allein doch für falsch gehalten wird; denn wenn man die Frage beantwortet, wie die Toleranz gegenüber einer Meinung ausgeübt werden kann, dann sieht man, daß dies eigentlich nur möglich ist, wenn man ihre Äußerung toleriert; man kann aber die Meinungsäußerung nur dann tolerieren oder nicht tolerieren, wenn man auch die Äußerung selbst mißbilligt und nicht nur die Meinung für falsch hält." [30] Kurz gesagt: nicht die Überzeugung, daß die Sonne sich um die Erde bewegt ist, wenn sie für falsch gehalten wird oder nachweislich falsch ist, kann sinnvollerweise Gegenstand von Toleranz sein, sondern deren Äußerung, beispielsweise durch eine Lehrkraft im Schulunterreicht.

Wir können festhalten, daß, so sehr es einen – wenn auch diffundierenden und äußerst randunscharfen Konsens wenigstens in unserer westlich-europäisch geprägten Gesellschaft über die Auffassung, was denn Toleranz sei, gibt, so wenig werden wir darüber hinaus kommen, daß Toleranz das Dulden, Akzeptieren und Geltenlassen von Meinung bzw. Meinungsäußerungen, Menschen, Religionen und Kulturen sei – im Grunde verstehen wir unter Toleranz also "offenbar recht Unterschiedliches", [31] was aber nicht über die Gemeinsamkeiten in den Definitionen hinwegtäuschen soll.

Neben dem oft als passiv ("leidend") interpretierten Dulden, das wir auf dessen lateinische Wurzel tolerare und die stoischen Ethik zurückführen können, ist Toleranz heute, so der Vorschlag von Alois Wierlacher, eine "aktive, schöpferisch produktive, praxisorientierte und humane Kategorie der Konstruktion mitmenschlicher Wirklichkeit". [32] "Echte Toleranz" ist "aktive Toleranz", eine Toleranz, die "im Raum sozialen Handelns als Umgang mit Fremdem und Fremden als aktives Eintreten gegen Intoleranz, Diskriminierung und Verfolgung von Andersdenkenden, Ausländern und Randgruppen und als politisch-gesellschaftliches Handeln für die Anerkennung von Toleranz als gesellschaftlich anerkanntem Wert" verstanden wird. [33] Toleranz ist dann also nicht nur das "Geltenlassen von Übeln", sondern auch die "Abwehr von Übeln" wie Intoleranz, Diskriminierung und Verfolgung.

Diesem sicher auch idealistisch zu nennenden Verständnis von Toleranz vor einem insbesondere ethisch-moralischen Horizont, sei es die duldend-passive Toleranz oder die aktiv-eingreifende und vorsorgende und fürsorgliche Toleranz, steht die pragmatisch-kalkulierende Toleranz zur Seite. [34] Diese Form der Toleranz basiert entweder auf den Gewähren(lassen) seitens eines Starken gegenüber einem Schwachen oder bei Gleichstarken ein Kooperieren, solange bis einer der beiden Partner in eine für ihn nachteilige und damit unterlegene Position gerät. Peter Fritzsche spricht in seinem Aufsatz von Toleranz-Stufen, einer aufstrebenden Entwicklung also, einem Fortschritt des Toleranzgedankens. Dies ist natürlich wieder eine westlich-europäische geprägte Sicht auf den Toleranzbegriff, der alle anderen Toleranzbegriffe zu nicht voll entwickelten Vorstufen degradiert und eine Art Stufenmodell in der Begriffsgeschichte von Toleranz und ihre teleologische Tendenz vermuten läßt.

Die Geschichte der Toleranz als Idee und als Forderung ist, unter Rücksicht (ich muß es erneut betonen) des westlich-europäischen Weltbildes aufs Ganze gesehen, eine Geschichte dieses Fortschritts. Als Forderung nach religiöser Freiheit hat sie – obwohl erstmals für das Christentum vom Christen Tertullian formuliert [35] und von Augustinus zunächst unterstützt, indem dieser erkannte, daß es im Glauben eigentlich keinen Zwang geben könne [36] – zwar eben im und durch das Christentum wieder einen Rückschlag erlitten. "Zugleich mit dem Christentum und gegen das Christentum entwickelt", [37] denn nur eine geringe, wenngleich darum für uns heute umso exponiertere Zahl der Aufklärer hatte sich vom Christentum bzw. seiner konfessionellen Gestalt abgewandt, trat dann die Idee der Toleranz ihren Siegeszug an. [38] Zunächst schon beginnend mit dem (praktischen) Anerkenntnis eines konfessionell geteilten Westeuropa im Augsburger Religionsfrieden von 1555 [39] und dann dem Edikt von Nantes 1598, in dem erstmals ein Untertan des französischen Königs nicht katholisch sein mußte. [40] Über den Rückschlag seiner Aufhebung und den religiöse Verfolgungen unter Ludwig XIV. seit 1689, [41] war die Idee der (vornehmlich religiösen) Toleranz im Zeitalter der Aufklärung noch an die Idee eines konfessionell dominierten und die christliche Religion als Garant für Stabilität anerkennenden Gemeinwesens gebunden. [42] Toleranz ist so zunächst und zuvörderst Sache des Staates, der sie (den Konfessionen der Minderheit) gewährt. Mit dem "Zeitalter der Revolutionen" mit dem Ende des 18. und im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte sich schließlich bis in unsere – westlich-europäische – Gegenwart hinein der die Idee der umfassenden auch privaten Toleranz sowie der Neutralität des Staates gegenüber religiösen Weltanschauungen bzw. Vereinigungen, [43] politischen, soweit nicht die Grundsätze der Gesellschaft infrage stellenden politischer Positionen, sexueller Orientierung, kultureller Andersartigkeit wie auch generell gegenüber der Verschiedenheit individueller Lebenskonzepte und Lebensentwürfen. [44]

Was ist also Toleranz? Wir konnten einerseits ausmachen, welche Voraussetzungen und Bedingungen man benötigt, um von Toleranz als Praxis und als Habitus zu sprechen, auf der anderen Seite sahen wir, daß Toleranz heute vor allem auch dahingehend verstanden wird, die Bedingungen für die Möglichkeit für Toleranz zu schaffen. Nicht alleine der Ernstfall des Konflikts im Aufeinandertreffen unterschiedlicher Rassen, Kulturen, Meinungen, Lebensentwürfe usw. bedarf der Fähigkeit der Toleranz, sondern Toleranz will im Vorfeld Konflikte verhindern oder ein Klima der "Konfliktfähigkeit" schaffen, das auch dort, wo überraschend und unerwartet neue Brandstellen durch veränderte zwischenmenschliche Zusammensetzungen entstehen, diesen in einem antizipierten Geist der Toleranz begegnet wird. Toleranz nicht nur als Reaktion auf Brandstiftung, sondern Toleranz als Brandvorsorge. [45]

Anmerkungen:
[1] http://de.wikipedia.org/wiki/Toleranz bzw. http://de.wikipedia.org/wiki/Intoleranz.[<]
[2] Allein im Jahr 2008 wurde der Artikel "Toleranz" über fünfzig Mal bearbeitet.[<]
[3] Aufgrund der Vielzahl der Autoren bzw. Bearbeiter der Wikipedia-Artikel und deren selbstgewählten Namen/Bezeichnungen, die nicht immer Rückschlüsse auf die Identität zulassen, werde ich im folgenden stets allgemein von "Autoren" sprechen; das ist unter anderem auch aufgrund der Tatsache legitim, daß jeder an Wikipedia Beteiligte auch durch die Nichtveränderung von vorhandenem Text diesem implizit zustimmt. Ich selbst habe zum Artikel "Toleranz" und "Intoleranz" keinen Beitrag geleistet. [<]
[4] Zitat im Artikel aus Forst, Rainer: Toleranz, in: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Enzyklopädie Philosophie. 2 Bände, Hamburg 1999, Sp. 1628–1632, hier: Sp. 1628. [<]
[5] Jansen, Ludger: Staatliche Toleranz und staatliche Werteorientierung, in: Starck, Christian (Hrsg.): Wo hört die Toleranz auf? (Preisschriften des Forschungsinstituts für Philosophie Hannover 3), Göttingen 2006, S. 20-62, hier: 21-23. [<]
[6] Jansen 2006: 21. [<]
[7] Kahl, Joachim: Toleranz, in: Sandkühler, Hans Jörg (Hrsg.): Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften, Band 4, Hamburg 1990: 597-599, hier: 597. [<]
[8] Hilpert, Konrad: Toleranz, in: LThK, Band 11, Freiburg u. a. [3]2001, Sp. 95-101, hier: Sp. 95. [<]
[9] Jansen 2006: 22. [<]
[10] Jansen 2006: 22s. [<]
[11] Jansen 2006: 23. [<]
[12] "Wenn ich akzeptiere, daß es Amseln und Rotkehlchen gibt, dann nehme ich zweifelsohne Verschiedenartiges hin. Doch dafür würde mich wohl niemand als tolerant bezeichnen." und "Wenn ich gerne Pizza Salami mag und ich nichts dagegen habe, daß meine Frau lieber Pizza Quattro Stagioni ißt, dann lasse ich meine Frau (also eine andere) in ihrer Andersartigkeit gelten. Sollte das schon ein Fall von Toleranz sein?" (Jansen 2006: 22 und 23). Beispiele haben die Eigenschaft, stets Gegenbeispiele auf den Plan zu rufen: Es ist für einen interreligiösen oder interkonfessionellen Dialog Voraussetzung, daß die Verschiedenartigkeit von Konfessionen bzw. Religionen erkannt und anerkannt wird – "wir glauben alle an denselben Gott" oder "wir feiern doch alle dasselbe Abendmahl" als Ausdruck von Nivellierung oder gar Vereinnahmung ist sicher eine Frage der Toleranz. Ebenso finden wir immer wieder empirisch belegt, daß Konsum- oder Ernährungsgewohnheiten ein "Fall für Toleranz" sind. [<]
[13] Schlüter, Gisela; Grötker, Ralf: Toleranz, Historisches Wörterbuch der Philosophie, Band 10, Darmstadt 1989, Sp. 1251-1262, hier: Sp. 1251s. [<]
[14] Teichert, Dieter: Toleranz, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Band 4, Mannheim 1996, 316-318, hier: 316. [<]
[15] Gatti, Roberto: Tolleranza, Enciclopedia Filosofica, Band 12, Mailand 2006, 11639-11641, hier: 11639. [<]
[16] Hasnoui, C.: Tolérance, Encyclopédie Philosophique Universelle, Band 2/2, Paris 1990, 2611-2612, hier: 2611. [<]
[17] Horton, John: Toleration, Routledge Encyclopedia of Philosophy, Band 9, London 1989, 429-433, hier: 429. [<]
[18] Schlüter 1989: Sp. 1251s. [<]
[19] Teichert, Dieter: Toleranz, Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie, Band 4, Mannheim 1996, 316-318, hier: 316. [<]
[20] Das Lemma "Intoleranz" wird in der Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie nicht eigens behandelt. [<]
[21] Gatti, Roberto: Tolleranza, Enciclopedia Filosofica, Band 12, Mailand 2006, 11639-11641, hier: 11639. [<]
[22] Hasnoui, C.: Tolérance, Encyclopédie Philosophique Universelle, Band 2/2, Paris 1990, 2611-2612, hier: 2611. [<]
[23] Horton, John: Toleration, Routledge Encyclopedia of Philosophy, Band 9, London 1989, 429-433, hier: 429. [<]
[24] Schlüter, Gisela: Die französische Toleranzdebatte im Zeitalter der Aufklärung. Materiale und formale Aspekte (Mimesis 15), Tübingen 1992. [<]
[25] Schlüter 1992: 7. [<]
[26] Bonafaccia, Simone: Die Tugend der Toleranz. Theoretische Aspekte einer auf der Achtung vor der Menschenwürde begründeten Tugend, Hamburg 2003: 42. [<]
[27] Bonafaccia 2003: 35s. [<]
[28] Bonafaccia 2003: 38. [<]
[29] Bonafaccia 2003: 38. [<]
[30] Bonafaccia 2003: 39. [<]
[31] Fritzsche, K. Peter: Toleranz im Umbruch - Über die Schwierigkeit, tolerant zu sein, in: Wierlacher, A. (Hrsg.): Kulturthema Toleranz: Zur Grundlegung einer interdisziplinären und interkulturellen Toleranforschung (Kulturthemen 2), München 1996, S. 31-49, hier: 32; vgl. auch die Einschätzung von Alexander Mitscherlich, "Toleranz" sei doch ein "schwammiger" Begriff (Mitscherlich, ?., Toleranz - Überprüfung eines Begriffs, Frankfurt 1974, hier: 7); auch Schanen, François: Sprache und Toleranz, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 20, 1994, S. 183-196, hier: 187. [<]
[32] Wierlacher, Alois: Was ist Toleranz? Zur Rehabilitation eines umstrittenen Begriffs, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 20, 1994, S. 115-137, hier: 122; vgl. a. Schanen, François: Sprache und Toleranz, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 20, 1994, S. 183-196, hier: 186, 188, passim; Thomas, Alexander: Ist Toleranz ein Kulturstandard?, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 20, 1994, S. 153-175, hier: 169, 172s., passim; Otto, Wolf Dieter: Tolerankultur und Pädagogik oder: Wie reden deutsche Pädagogen über Toleranz? Zur Ausdifferenzierung eines pädagogischen Toleranzdiskurses in Deutschland zwischen 1949 und 1989. Ergebnisse eines Forschungsprojekts. Zugleich ein Plädoyer zur Entwicklung einer Toleranzdidaktik fremdsprachlicher interkultureller Bildung, in: Wierlacher, A. (Hrsg.): Kulturthema Toleranz: Zur Grundlegung einer interdisziplinären und interkulturellen Toleranforschung (Kulturthemen 2), München 1996, S. 565-631, hier: 580s.; Wierlacher, Alois: Aktive Toleranz, in: Wierlacher, A. (Hrsg.): Kulturthema Toleranz: Zur Grundlegung einer interdisziplinären und interkulturellen Toleranforschung (Kulturthemen 2), München 1996, S. 51-82 und andere. [<]
[33] Thomas 1994: 169; dort auch zu den "Grenzen der Wirksamkeit" dieses Toleranzverständnisses. Im Wikipedia -Artikel heißt es zur "Aktiven Toleranz" abweichend: "Toleranz im positiven Sinn und als Grundwert freier, pluralistisch ausgerichteter Gesellschaften bedeutet absolute geistige Offenheit bezüglich der Option einer möglichen Akzeptanz des tolerierten Sachverhaltes in der Zukunft. Beim aktiven Tolerieren wird eine abschließende Bewertung des tolerierten ‚Einflusses’ nicht nur durch entsprechende Reaktionen nicht zum Ausdruck gebracht, sondern eine Beurteilung unterbleibt auch bewußt im Geiste." [<]
[34] Fritzsche, K. Peter: Toleranz im Umbruch - Über die Schwierigkeit, tolerant zu sein, in: Alois Wierlacher (Hrsg.): Kulturthema Toleranz: Zur Grundlegung einer interdisziplinären und interkulturellen Toleranforschung (Kulturthemen 2), München 1996, S. 31-49, hier: 32. [<]
[35] Ad Scapulam 2,1. [<]
[36] "Credere non potest homo nisi volens" (in Ioannem 36, Nr. 2; auch De spiritu et littera 31,54; epist. 217,16; auch bei Thomas von Aquin, De veritate, q. 28 a. 9 arg. 4), eine Haltung, die der Bischof im Donatistenstreit wieder revidierte); vgl. Broer, Ingo: Toleranz im Neuen Testament? Ein Versuch zum Toleranzgedanken in den paulinischen Briefen., in: Broer, I., Schlüter, R. (Hrsg.): Christentum und Toleranz, Darmstadt 1996, S. 57-82, hier 57s. [<]
[37] Broer, Ingo: Toleranz im Neuen Testament? Ein Versuch zum Toleranzgedanken in den paulinischen Briefen., in: Ingo Broer, Richard Schlüter (Hrsg.): Christentum und Toleranz, Darmstadt 1996, S. 57-82, hier: 58. [<]
[38] Nicht zu verwechseln mit der praktischen Toleranz, die bis in unsere Zeit auch in unseren Gesellschaften immer Rückschläge und stetes Einfordern nötig hat und haben wird. [<]
[39] Wüst, Wolfgang: An der Konfessionsgrenze: Der frühmoderne "Ernstfall für Aufklärung, Toleranz und Pluralismus, in: Augustin, C., Wienand, J., Winkler, C. (Hrsg.): Religiöser Pluralismus und Toleranz in Europa, Wiesbaden 2006, S. 53-68. [<]
[40] Vgl. Haustein, Jörg: Religionsfreiheit im lateinischen Westen. Das Edikt von Nantes und seine Folgen, in: Frank, G., Haustein, J., Lange, A. de (Hrsg.): Asyl, Toleranz und Religionsfreiheit: Historische Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen (Bensheimer Hefte; Hrsg. vom Evangelischen Bund 95), Göttingen 2000, S. 101-120, hier: 107; vgl. den Sammelband von Whelan, R., Baxter, C. (Hrsg.): Toleration and religious identity.: The Edict of Nantes and its implications in France, Britain and Ireland, Dublin 2003. [<]
[41] Vgl. z. B. Lange, Albert de: Die religionspolitische Bedeutung der Ansiedlung der Waldenser in Deutschland 1699 damals und heute, in: Frank, G., Haustein, J., Lange, A. de (Hrsg.): Asyl, Toleranz und Religionsfreiheit: Historische Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen (Bensheimer Hefte; Hrsg. vom Evangelischen Bund 95), Göttingen 2000, S. 140-188; Zur Entwicklung der Toleranzidee Laursen, John Christian; Nederman, Cary J. (Hrsg.): Beyond the Persecuting Society, Religious Toleration Before the Enlightenment, Philadelphia 1998. [<]
[42] Nochmals die schon gegebenen Literaturhinweise: Fritsch, Matthias J.: Religiöse Toleranz im Zeitalter der Aufklärung. Naturrechtliche Begründung – konfessionelle Differenzen, Hamburg 2004; Barteleit, Sebastian: Toleranz und Irenik. Politisch-religiöse Grenzsetzungen im England der 1650er Jahre (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, Mainz 197 : Abteilung für Universalgeschichte), Mainz am Rhein 2003; Schäfer, Christoph: Staat, Kirche, Individuum. Studie zur süddeutschen Publizistik über religiöse Toleranz von 1648 bis 1819 (Europäische Hochschulschriften : Reihe 3, Geschichte und ihre Hilfswissenschaften 522), Frankfurt am Main u. a. 1992; Whaley, Joachim: Religiöse Toleranz und sozialer Wandel in Hamburg 1529-1819 (Arbeiten zur Kirchengeschichte Hamburgs 18), Hamburg 1992; Grell, Ole Peter; Israel, Jonathan I.; Tyacke, Nicholas: From Persecution to Toleration. The Glorious Revolution and Religion in England, Oxford 1991; Lienhard, Marc: Religiöse Toleranz in Strassburg im 16. Jahrhundert (Abhandlungen der Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Klasse/Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz Jg. 1991, Nr. 1), Stuttgart 1991; Karniel, Joseph: Die Toleranzpolitik Kaiser Josephs II. (Schriftenreihe des Instituts für Deutsche Geschichte, Universität Tel Aviv 9), Gerlingen 1986; Roeser, Volker: Politik und religiöse Toleranz vor dem ersten Hugenottenkrieg in Frankreich (Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft 153), Basel , Frankfurt am Main 1985; Hassinger, Erich: Religiöse Toleranz im 16. Jahrhundert. Motive, Argumente, Formen d. Verwirklichung (Vorträge der Aeneas-Silvius-Stiftung an der Universität Basel 6), Basel, Stuttgart 1966; Nolte, Hans-Heinrich: Religiöse Toleranz in Rußland. 1600 - 1725 (Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft 41), Göttingen , Zürich , Frankfurt 1969 (= Nolte, Hans-Heinrich: Religiöse Toleranz in Rußland [Elektronische Ressource]. 1600 - 1725 (Göttinger Bausteine zur Geschichtswissenschaft H. 41), Göttingen 2., unveränd. Aufl., [CD-ROM-Ausg.], Ungekürzte Reproduktion der 1. Aufl. 1969 als Datenbuch 2001). [<]
[43] Die Aufarbeitung der Geschichte der Toleranz als Idee, Begriff und Forderung anhand von Lexikonbeiträgen erscheint mir zweifellos lohnend; exempla gratia Brockhaus Conversations-Lexikon Band 6. Amsterdam 1809, S. 195. ("Die Toleranz – Duldung – heißt die Zulassung einzelner Personen, oder auch ganzer Gesellschaften, welche in Rücksicht der Religion anders denken, als die zur herrschenden Religion sich bekennenden Bewohner eines Orts oder Landes."); Pierer's Universal-Lexikon, Altenburg [4]1857-1865, Band 17, S. 664-667 ("[...]Der Staat kann zunächst a) eine bestimmte Kirche als Staatskirche aufstellen, so daß diese als die allein berechtigte erscheint u. alle andern Religionsgemeinschaften von dem Rechtsschutze ausgeschlossen bleiben; b) es wird nur eine Kirche für die herrschende erklärt; neben derselben verstattet die Staatsgewalt zwar noch das Bestehen anderer Religionsgemeinschaften, aber nur aus Gnade, so daß die Zulassung derselben nur widerruflich erscheint, der Staat daher denselben auch keinerlei positive Unterstützung gewährt; c) der Staat erkennt keine Kirche als die herrschende an, sondern betrachtet die verschiedenen Religionsgemeinschaften als unter sich gleichberechtigt nach dem Grundsatz der Parität"), weitaus "fortschrittlicher" z. B. gegenüber Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon (1873) Band 1, S. 447-448 ("Toleranz, d. i. Duldung, gewöhnlich so viel wie religiöse Duldung, nennt man die stillschweigende Gestattung der Übung einer Religion, die in einem Lande gesetzlich nicht anerkannt ist. Eine solche Religion heißt eine geduldete, tolerirte im Gegensatze von der herrschenden oder öffentlichen Landesreligion, die überall das Vorrecht eines freien Bekenntnisses und ungehinderten Gottesdienstes genießt und im Besitz aller bürgerlichen Rechte ist. Die Toleranz beruht auf der Anerkennung des allgemeinmenschlichen Rechts, auf Religions- und Gewissensfreiheit, und im Christenthum findet sie durch die Liebe, womit dasselbe gegen jeden Menschen, ohne Unterschied des Glaubens, Achtung und Wohlwollen gebietet, die vollste Geltung. Das Recht, einer vom Glauben der herrschenden Kirche abweichenden Religionspartei oder Sekte Duldung zu gewähren, hat der Staat, und dieselbe findet in dem christlichen Staate namentlich da ihre Grenze, wo die moralischen Lehren der letztern mit dem Christenthum in Widerspruch treten und der gemeinsamen Wohlfahrt gefährlich und schädlich werden."); Meyers Großes Konversations-Lexikon. Leipzig 1905-1909, Band 19, S. 595 (Toleránz [neulat.], Duldung, Duldsamkeit [s. d.], insbes. religiöse, die den von der Staatskirche abweichenden Glaubensgenossen ungehinderte Religionsübung und Gemeinschaftsbildung zusichert, wie sie insbes. gegen christliche Sekten, wie die Wiedertäufer, Unitarier, Deutschkatholiken, Freien Gemeinden, aber auch gegen die Bekenner andrer Religionen, in den christlichen Ländern namentlich gegen die Juden, geübt wird.") [<]
[44] Z. B. Mattioli, Aram; Ries, Markus; Rudolph, Enno (Hrsg.): Intoleranz im Zeitalter der Revolutionen 1770–1848, Zürich 2004; Mikrut, Jan: Die Idee der Religionstoleranz im 18. Jahrhundert in den Ländern der Habsburgermonarchie, Wien 1999; einen umfassenden Überblick über die Entwicklung der Toleranzidee in (der Bundesrepublik) Deutschland gibt Wierlacher, A., Otto, W. D. (Hrsg.): Toleranztheorie in Deutschland (1949-1999): Eine anthologische Dokumentation, Tübingen 2002. [<]
[45] "Ein toleranter Umgang miteinander setzt Toleranzbereitschaft und -fähigkeit auf beiden Seiten voraus. Beides läßt sich wohl nur im Dialog und in Kooperation entwickeln", vgl. Thomas, Alexander: Ist Toleranz ein Kulturstandard?, in: Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 20, 1994, S. 153-175, hier: 154; "Je mehr Erziehung durch lieblose, einsichtslose Repression, desto weniger Neigung und Fähigkeit zur Toleranz. Je weniger Toleranzerfahrung, desto weniger Wissen um die Wirklichkeit, desto mehr Wirklichkeitsvermeidung auch durch Idealisierung, nicht nur durch Verketzerung, und konsequenterweise desto weniger Bedenken, den anderen, der nicht nur ein Fremder bleibt, der zum Kaum-noch-Menschen sich erniedrigt sieht, intolerant und ohne Einhalt des Gewissens zu malträtieren" (Mitscherlich, Alexander; Mitscherlich, Margarete: Die Unfähigkeit zu trauern, München 1967: 274). [<]

Zitierweise:
Joachim Losehand: Was ist Toleranz? Eine Aktualisierung des Nullmeridians, in: Tolerantia 1 (2009), 04-17-02.

URL: http://www.tolerantia.de/2009041702
URN: urn:nbn:de:0234-tolerantia-2009041702-2

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